Fall auf Knall?

Luftbild der Sprengstelle
Luftbild der Sprengstelle

Als nebenberuflicher Sprengmensch lernt man bei jedem Auftrag dazu. So auch im August in der Nähe von Hennef. Dort sollte ich auf einer Wiese mehrere Versuchssprengungen durchführen (ein anderer Platz habe sich für dem 17.8.19 nicht finden lassen).

Ein Blick auf Google Maps machte mich jedoch stutzig, weil die Aktion in direkter Nähe eines Milchhof stattfinden soll. Mein Problem hierbei: Ca. 90 Meter von der Sprengstelle entfernt befindet sich ein Kuhstall. „Sind da Kühe drin?“ möchte ich wissen. Antwort: Ja. Das sei aber, so die Aussage, nicht tragisch und ich brauche mir keine Sorgen zu machen.

Sprengungen mit Umweltschutz und Tierschutz vereinbar?

Ich habe da jedoch so meine Zweifel, befürchtend, die folgende Situation könne eintreten: „Es macht puff, die Kühe fallen um […], dann ist da immer ein großes Hallo und ‚viel Spaß‘.“ Diese Art von Spaß geriert jedoch zum Nachteil des Verantwortlichen gemäß § 20 Sprengstoffgesetz und ist teurer als ein Tröpfchen aus der eigenen Sodbrennerei.

Todesopfer aufgrund Orchesterprobe?

Auch die Erinnerungen an die tragischen Folgen der Einwirkung einer Tannhäuser-Aufführung auf die Tierwelt im Jahr 1994 in Dänemark werden wieder wach: dort war bei einer Orchesterprobe im benachbarten Zoo ein Okapi umgefallen und sei (Konjunktiv!) am Schock des Krachs (Wagner!) verendet. Brüssel hat deshalb mit Lärmschutzverordnungen reagiert. Nicht wegen der Tierwelt, sondern um die Musiker vor Lärm zu schützen – nicht ganz zu Unrecht, denn die Schmerzgrenze liegt bei 120 dB.

Feuerwerkskörper sind weitaus leiser

Zum Vergleich: Die für jedermann erhältlichen Feuerwerkskörper unterteilen sich in die Kategorie 1, d. h. dürfen auch von Minderjährigen das ganze Jahr über erworben werden und im Abstand von einem Meter nicht lauter als 120 Dezibel sein. Kategorie 2 umfasst die klassischen Silvesterknaller, die nur vor dem Jahreswechsel erhältlich sind, und auch nur für Erwachsene. Sie dürfen in acht Metern Entfernung maximal 120 Dezibel erreichen. Knallkörper, die diese Bedingungen nicht erfüllen, erhalten von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) keine Zulassung für den deutschen Markt.

Aufsichtsbehörde sieht Sprengung unbedenklich

Sprengstoff als "angelegte Ladung" an Kantholz
Sprengstoff als "angelegte Ladung" an Kantholz

Die bei der Sprengung teilnehmenden Mitarbeiter der Aufsichtsbehörden winken jedoch ab: kein Problem – schließlich seien die Kühe ja bereits bei den am Vortag stattfindenden Versuchen schon standhaft geblieben. Aussagen von Behördenmitarbeitern sind erfahrungsgemäß eher restriktiver Natur.

 

Daher beginnen wir mit der Vorbereitung: Klebeband motiviert ein Viertel Kilo nitroaromatenfreien gelatinösen Sprengstoff RIODIN (im Bild links die weiße Masse - gelatinöse Sprengstoffe sind sonst rot gefärbt) zum Verbleib an einem Kantholz.

 

Erstes Sprengsignal – meine Gewissenbisse aufgrund möglicher Beeinträchtigung der Tierwelt werden stärker. Dann das zweite Signal – alle Zuschauer tragen Gehörschutz. Ich denke an Brüssel, den Okapi, qualvolle Stunden in lauten Wagner-Darbietungen und die Kühe, stehe jedoch im ernsten Konflikt mit der nonverbalen durch entsprechende Körperhaltung und Blicke zum Ausdruck vorgetragene Erwartungshaltung der wartenden Teilnehmer. Aus Solidarität mit den Kühen verzichte ich auf Gehörschutz (nach einigen Sprengungen tritt tatsächlich Gewöhnung ein).

Kantholz nach Sprengung
Kantholz nach Sprengung

Leidenschaftslos drehe ich ein paar Mal die Kurbel der Zündmaschine und drücke schweren Gewissens den Taster. Mit 7200 km/h meldet sich der Gesteinssprengstoff mit einem doch etwas lauteren PUFF zu Wort. Ergebnis:

  • Eine durchgeführte Lärmmessung in drei Metern Höhe offenbarte einen Schalldruck von 141 Dezibel. Zum Vergleich: ein Blasorchester bringt es „nur“ auf 135 Dezibel, wird also ca. halb so laut wahrgenommen. Wobei dieser Vergleich nicht ganz richtig ist, denn ein kurzer Knall und längere Wagner-Aufführungen sind psychoakustisch nicht vergleichbar.
  • Die Gemeinschaft der Kühe dachte nicht an Brüssel. Einige Tiere zeigten sich neugierig, andere komplett unbeeindruckt. Daher fürs Protokoll: „Alle Kühe blieben standhaft und zeigten in Summe wohlwollendes Desinteresse“.
  • Der Holzbalken sah aus, als hätte der Lehrling gesägt.

Kurzum: Zufriedenheit bei allen Teilnehmern (einschließlich der Kühe).

 

Über die Ergebnisse der weiteren Versuchssprengungen wird demnächst berichtet.

Die Kühe störten sich nicht an der Sprengung
Die Kühe störten sich nicht an der Sprengung

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